Philipp Zell

„Niemand soll übersehen werden“ – Interview mit Philipp Zell über PIO Oberallgäu

Pflegebedürftigkeit kommt oft plötzlich: Ein Schlaganfall, eine Demenzdiagnose oder eine andere akute Veränderung im Leben – und Angehörige stehen vor der Frage: Wie finde ich jetzt schnell die passende Versorgung? Genau an dieser Stelle setzt PIO – Pflege Ideal Organisiert an. Die Plattform verknüpft Anfragen von Pflegesuchenden mit den Angeboten der regionalen Pflegedienste. Dabei werden… „Niemand soll übersehen werden“ – Interview mit Philipp Zell über PIO Oberallgäu weiterlesen

Pflegebedürftigkeit kommt oft plötzlich: Ein Schlaganfall, eine Demenzdiagnose oder eine andere akute Veränderung im Leben – und Angehörige stehen vor der Frage: Wie finde ich jetzt schnell die passende Versorgung? Genau an dieser Stelle setzt PIO – Pflege Ideal Organisiert an.

Die Plattform verknüpft Anfragen von Pflegesuchenden mit den Angeboten der regionalen Pflegedienste. Dabei werden wichtige Kriterien berücksichtigt: Wohnort, gewünschte Versorgung der Suchenden sowie Versorgungsgebiet und Kapazitäten der Pflegedienste. Das Ziel: schnellere Vermittlung, mehr Transparenz und keine übersehenen Pflegebedarfe.
Schon jetzt zeigt sich: PIO kann echte Versorgungslücken sichtbar machen und helfen, sie zu schließen. Gleichzeitig stellen sich im Projekt auch neue Fragen, die weit über den Landkreis hinaus von Bedeutung sind.
Im Gespräch berichtet Philipp Zell, Geschäftsführer der Pflegepioniere (care pioneers GmbH), über erste Erfahrungen, Erfolge, überraschende Lerneffekte -und über die kritischen Punkte, die das Projekt mit sich bringt

„Niemand soll übersehen werden“ – Interview mit Philipp Zell über PIO Oberallgäu

Philipp Zell betont die gesellschaftliche Relevanz:
Das Allerwichtigste ist, dass PIO dafür sorgen kann, dass Menschen in Versorgung kommen und dass niemand übersehen wird. Das ist elementar für eine Gesellschaft, die sich um erkrankte und ältere Menschen kümmert.

PIO strukturiert dabei den gesamten Prozess: Vom Assessment über die Anfrage bei passenden Diensten bis hin zur Eskalation, wenn zunächst keine Versorgung möglich ist.


Erste Erfahrungen im Oberallgäu
Seit dem Start in der zweiten Pilotregion Oberallgäu liegen erste Erfahrungen vor. Anfragen von Pflegebedürftigen wurden systematisch organisiert und an in Frage kommende Pflegedienste verteilt. Besonders deutlich wurde der Nutzen von PIO bei einem ersten Fall, in dem zunächst keine Versorgung möglich schien: Eine Person mit komplexen Krankheitsbild keine Unterstützung erhalten. Durch die Plattform konnte die Situation sichtbar gemacht und gemeinsam mit den beteiligten Diensten aktiv bearbeitet werden.

Für Zell ist genau das der Kernnutzen:

Dieser Fall war für mich der Mehrwert von PIO. Nicht, weil es keine Versorgung gab, sondern weil wir es endlich gesehen haben und konstruktiv angehen können. Genau dafür haben wir PIO entwickelt.


Die Rückmeldungen der Pflegedienste sind überwiegend positiv, auch wenn der konkrete Nutzen je nach Größe und Organisation des Dienstes unterschiedlich ausfällt und die Nutzung gerade erst anläuft.


Ein Werkzeug für mehr Zusammenarbeit
PIO ist mehr als eine Matching-Plattform. Es geht um Kooperation und Optimierung im gesamten Versorgungssystem:
– Transparenz schaffen: Offene Anfragen werden sichtbar, auch auf einer Landkarte. So können Dienste besser planen, die Wirtschaftlichkeit und tendenziell neue Touren findensteigern.
– Zuständigkeiten eskalieren : Wenn kein Dienst zusagen kann, bleibt die Anfrage nicht im luftleeren Raum. Sie wird an andere Dienste weitergegeben oder an den Pflegestützpunkt eskaliert.
– Vernetzung fördern: Neben Pflegediensten sollen perspektivisch auch hauswirtschaftliche Dienste, Betreuungsdienste, Essen auf Rädern und Sanitätshäuser eingebunden werden. Sie können sich über die Plattform austauschen und kollaborieren.


Nutzerfreundlichkeit im Fokus
Besonderen Wert legen die Pflegepioniere auf Erfahrungen der Betroffenen selbst. Mit einer Gruppe digitalaffiner Senior:innen – den „Silver Surfern“ – wurden umfangreiche UX-Tests durchgeführt. Dabei ging es um Fragen wie: Wird die App verstanden? Wo entstehen Hürden?
Langfristig soll PIO noch stärker zu einem virtuellen Pflegestützpunkt werden: mit Informationen, Beratung und Organisation an einem Ort. Ein zukünftiger Entwicklungsschritt könnte der Einsatz von KI-gestützten Assistenzsystemen sein, die individuelle Fragen beantworten – wie etwa: „Mein Vater hatte einen Schlaganfall – was sollte ich beachten, damit er lange zu Hause bleiben kann?“


Technische, organisatorische und moralische Stolpersteine
Es gibt auch kritische Fragen zu PIO, die offen angesprochen werden müssen:
– Monopolgefahr: Wenn sich Dienste regional organisieren, könnte ein Versorgungsmonopol entstehen. Hier gilt es, genau hinzuschauen und Prozesse aktiv zu begleiten.
– Knappheit bleibt Realität: Auch mit digitaler Unterstützung wird der Fachkräftemangel nicht verschwinden. PIO kann die Ressourcen besser verteilen, aber die Versorgung bleibt angespannt.
– Verantwortung im Ernstfall: Was passiert, wenn trotz aller Eskalationsstufen keine Versorgung möglich ist? Diese moralische – und schlussendlich juristische- Frage bewegt die Beteiligten und wird weiter diskutiert.


Vom Pilotprojekt zu einer zukunftsfähigen Plattform
PIO Oberallgäu hat in den ersten Wochen gezeigt, welches Potenzial digitale Pflegekoordination hat. Erste Anfragen wurden organisiert, Versorgungslücken sichtbar gemacht und gemeinsam angegangen. Die Resonanz ist überwiegend positiv – gleichzeitig gilt es, technische, organisatorische und ethische Fragen weiter zu bearbeiten.
Perspektivisch soll PIO im ganzen Landkreis eingesetzt und kontinuierlich weiterentwickelt werden – als Werkzeug, das Pflegedienste entlastet, Angehörige unterstützt und dafür sorgt, dass kein Mensch mit Pflegebedarf übersehen wird.

Man kann hundertmal über eine Sache nachdenken, und trotzdem gibt es immer noch Dinge, an die man nicht gedacht hat. Genau daraus lernen wir!

Meine größere Vision ist, dass es später eine Art funktionierender virtueller Pflegestützpunkt ist, wo man Organisation, Beratung und alle Inforamtionen findet; also „DIE“ Plattform für Pflege und Versorgung“,

so Philipp Zell.

Geschrieben am 04. Dezember 2025 um 20:47